Presse
Holmes & Watson | 2025
Ein Schauspiel nach dem Roman von Sir Conan Dyole für drei Schauspieler:innen
Eine Produktion des NN Theater Köln



Coming soon
Kölner Stadt-Anzeiger | Norbert Raffelsiefen
Irrwitziges Grabkammerspiel
Franco Melis und Peter Stephan Herff witzeln sich durch Pyramidengänge – Ein urkomischer Theaterabend in der Comedia
„Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Doch hatte er, lieber Bertolt Brecht und obendrein so fähige Angestellte wie die professionellen Leibwächter Abus und Securus. Die beiden Herren im besten Alter hat es nun nach unzähligen Stationen ins ferne Ägypten verschlagen. Als erfahrene Überlebenskünstler konnten sie bislang in jeder noch so gefährlichen Lage den Kopf aus der Schlinge ziehen. Doch diesmal scheinen die beiden Römer mit ihrem Latein am Ende. Antonius und Kleopatra, ihren letzten Klienten, sind mausetot, aber scheinbar endet das Dienstverhältnis nicht mit dem Tod des berühmten Liebespaares. Schlecht für die zwei von der Security, gut für das Publikum, das so Zeuge eines urkomischen Grabgesanges werden darf. Unter der souveränen Regie von Deborah Krönung liefern Franco Melis und Peter Stephan Herff, zwei altgediente Comedians aus der Comedia, ein gewitztes Grabkammerspiel ab. Wenn das Duo mit der Bahre der Kleopatra im Schlepptau durch die Gänge der Pyramide irrt, zelebrieren sie allerfeinsten Slapstick. Da wird aus ein paar Bühnenelementen im intimen Saal der Comedia-Probebühne im Spiel der Akteure ein verzwicktes Labyrinth von Gängen, Höhlen und unsichtbaren Fallen. Ein ums andere Mal stößt sich Peter Stephan Herff den Kopf an tückischen Decken, lustig wird die Nummer, wie bei „Dinner for One“, aber erst, weil es nicht immer geschieht. Durch perfektes Timing wird auch der vergebliche Versuch, im Dunkel der Pyramide mit Weinbechern anzustoßen, zum komischen Kraftakt. Den Wein gibt’s, weil die Leibwächter, die noch nicht wirklich realisiert haben, dass sie nun Grabwächter sind, sich eingeschlossen in der Pyramide zuerst einmal eine gepflegte Brotzeit gönnen. Gewöhnen müssen sie sich auch daran, dass hier unten im analogen Ägypten ein leibhaftiger Bewegungsmelder seiner Arbeit nachgeht.
Das kurzweilige Stück, sehr frei nach, beziehungsweise „befreit von“ Shakespeare, ist in seinen 70 Minuten gespickt mit humoristischen Ausflügen in die Weltgeschichte und pointierten Kalauern, die auch ruhig einmal albern sein dürfen. Wie etwa im Dialog über den großen Widersacher von Antonius und Kleopatra: “ Octavian nennt sich jetzt Augustus“ – „Ach wie der Monat“. Der Blick auf die großen Momente der Historie wird hier konsequent mit der Frage „cui bono“ verbunden. Für Machtgelüste aller Art oder falsches Heldentum ist hier kein Platz. Was hilft es zum Beispiel, wenn man im Circus Maximus als Akteur gefeiert wird, um dann festzustellen, dass die Löwen einem erst die Show und dann das Leben stehlen.
Und weil wir es hier mit zwei waschechten Wärtern aus Bella Italia zu tun haben, wird auch der ein oder andere Italo-Schlager – mit teilweise angepassten Textzeilen – zum Besten gegeben. Das letzte Wort im Stück hat wie zu Beginn Billy Preston mit „Nothing from Nothing“. Der beschwingte Song mit melancholischen Untertönen passt perfekt als musikalische Klammer zu diesem gelungen Theaterabend.
Holmes & Watson | 2025
Ein Schauspiel nach dem Roman von Sir Conan Dyole für drei Schauspieler:innen
Eine Produktion des NN Theater Köln
Coming soon
Kölner Stadt-Anzeiger | Norbert Raffelsiefen
Irrwitziges Grabkammerspiel
Franco Melis und Peter Stephan Herff witzeln sich durch Pyramidengänge – Ein urkomischer Theaterabend in der Comedia
„Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Doch hatte er, lieber Bertolt Brecht und obendrein so fähige Angestellte wie die professionellen Leibwächter Abus und Securus. Die beiden Herren im besten Alter hat es nun nach unzähligen Stationen ins ferne Ägypten verschlagen. Als erfahrene Überlebenskünstler konnten sie bislang in jeder noch so gefährlichen Lage den Kopf aus der Schlinge ziehen. Doch diesmal scheinen die beiden Römer mit ihrem Latein am Ende. Antonius und Kleopatra, ihren letzten Klienten, sind mausetot, aber scheinbar endet das Dienstverhältnis nicht mit dem Tod des berühmten Liebespaares. Schlecht für die zwei von der Security, gut für das Publikum, das so Zeuge eines urkomischen Grabgesanges werden darf. Unter der souveränen Regie von Deborah Krönung liefern Franco Melis und Peter Stephan Herff, zwei altgediente Comedians aus der Comedia, ein gewitztes Grabkammerspiel ab. Wenn das Duo mit der Bahre der Kleopatra im Schlepptau durch die Gänge der Pyramide irrt, zelebrieren sie allerfeinsten Slapstick. Da wird aus ein paar Bühnenelementen im intimen Saal der Comedia-Probebühne im Spiel der Akteure ein verzwicktes Labyrinth von Gängen, Höhlen und unsichtbaren Fallen. Ein ums andere Mal stößt sich Peter Stephan Herff den Kopf an tückischen Decken, lustig wird die Nummer, wie bei „Dinner for One“, aber erst, weil es nicht immer geschieht. Durch perfektes Timing wird auch der vergebliche Versuch, im Dunkel der Pyramide mit Weinbechern anzustoßen, zum komischen Kraftakt. Den Wein gibt’s, weil die Leibwächter, die noch nicht wirklich realisiert haben, dass sie nun Grabwächter sind, sich eingeschlossen in der Pyramide zuerst einmal eine gepflegte Brotzeit gönnen. Gewöhnen müssen sie sich auch daran, dass hier unten im analogen Ägypten ein leibhaftiger Bewegungsmelder seiner Arbeit nachgeht.
Das kurzweilige Stück, sehr frei nach, beziehungsweise „befreit von“ Shakespeare, ist in seinen 70 Minuten gespickt mit humoristischen Ausflügen in die Weltgeschichte und pointierten Kalauern, die auch ruhig einmal albern sein dürfen. Wie etwa im Dialog über den großen Widersacher von Antonius und Kleopatra: “ Octavian nennt sich jetzt Augustus“ – „Ach wie der Monat“. Der Blick auf die großen Momente der Historie wird hier konsequent mit der Frage „cui bono“ verbunden. Für Machtgelüste aller Art oder falsches Heldentum ist hier kein Platz. Was hilft es zum Beispiel, wenn man im Circus Maximus als Akteur gefeiert wird, um dann festzustellen, dass die Löwen einem erst die Show und dann das Leben stehlen.
Und weil wir es hier mit zwei waschechten Wärtern aus Bella Italia zu tun haben, wird auch der ein oder andere Italo-Schlager – mit teilweise angepassten Textzeilen – zum Besten gegeben. Das letzte Wort im Stück hat wie zu Beginn Billy Preston mit „Nothing from Nothing“. Der beschwingte Song mit melancholischen Untertönen passt perfekt als musikalische Klammer zu diesem gelungen Theaterabend.
Antonius & Kleopatra | 2024
Ein Grabkammerspiel für zwei Leibwachen
befreit von Shakespeare
Eine Melis&Herff- Produktion in Kooperation mit dem Comedia Theater Köln



Kölner Stadt-Anzeiger | Norbert Raffelsiefen
Irrwitziges Grabkammerspiel
Franco Melis und Peter Stephan Herff witzeln sich durch Pyramidengänge – Ein urkomischer Theaterabend in der Comedia
„Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Doch hatte er, lieber Bertolt Brecht und obendrein so fähige Angestellte wie die professionellen Leibwächter Abus und Securus. Die beiden Herren im besten Alter hat es nun nach unzähligen Stationen ins ferne Ägypten verschlagen. Als erfahrene Überlebenskünstler konnten sie bislang in jeder noch so gefährlichen Lage den Kopf aus der Schlinge ziehen. Doch diesmal scheinen die beiden Römer mit ihrem Latein am Ende. Antonius und Kleopatra, ihren letzten Klienten, sind mausetot, aber scheinbar endet das Dienstverhältnis nicht mit dem Tod des berühmten Liebespaares. Schlecht für die zwei von der Security, gut für das Publikum, das so Zeuge eines urkomischen Grabgesanges werden darf. Unter der souveränen Regie von Deborah Krönung liefern Franco Melis und Peter Stephan Herff, zwei altgediente Comedians aus der Comedia, ein gewitztes Grabkammerspiel ab. Wenn das Duo mit der Bahre der Kleopatra im Schlepptau durch die Gänge der Pyramide irrt, zelebrieren sie allerfeinsten Slapstick. Da wird aus ein paar Bühnenelementen im intimen Saal der Comedia-Probebühne im Spiel der Akteure ein verzwicktes Labyrinth von Gängen, Höhlen und unsichtbaren Fallen. Ein ums andere Mal stößt sich Peter Stephan Herff den Kopf an tückischen Decken, lustig wird die Nummer, wie bei „Dinner for One“, aber erst, weil es nicht immer geschieht. Durch perfektes Timing wird auch der vergebliche Versuch, im Dunkel der Pyramide mit Weinbechern anzustoßen, zum komischen Kraftakt. Den Wein gibt’s, weil die Leibwächter, die noch nicht wirklich realisiert haben, dass sie nun Grabwächter sind, sich eingeschlossen in der Pyramide zuerst einmal eine gepflegte Brotzeit gönnen. Gewöhnen müssen sie sich auch daran, dass hier unten im analogen Ägypten ein leibhaftiger Bewegungsmelder seiner Arbeit nachgeht.
Das kurzweilige Stück, sehr frei nach, beziehungsweise „befreit von“ Shakespeare, ist in seinen 70 Minuten gespickt mit humoristischen Ausflügen in die Weltgeschichte und pointierten Kalauern, die auch ruhig einmal albern sein dürfen. Wie etwa im Dialog über den großen Widersacher von Antonius und Kleopatra: “ Octavian nennt sich jetzt Augustus“ – „Ach wie der Monat“. Der Blick auf die großen Momente der Historie wird hier konsequent mit der Frage „cui bono“ verbunden. Für Machtgelüste aller Art oder falsches Heldentum ist hier kein Platz. Was hilft es zum Beispiel, wenn man im Circus Maximus als Akteur gefeiert wird, um dann festzustellen, dass die Löwen einem erst die Show und dann das Leben stehlen.
Und weil wir es hier mit zwei waschechten Wärtern aus Bella Italia zu tun haben, wird auch der ein oder andere Italo-Schlager – mit teilweise angepassten Textzeilen – zum Besten gegeben. Das letzte Wort im Stück hat wie zu Beginn Billy Preston mit „Nothing from Nothing“. Der beschwingte Song mit melancholischen Untertönen passt perfekt als musikalische Klammer zu diesem gelungen Theaterabend.
Antonius & Kleopatra | 2024
Ein Grabkammerspiel für zwei Leibwachen
befreit von Shakespeare
Eine Melis&Herff-Produktion in Kooperation mit dem Comedia Theater Köln
Kölner Stadt-Anzeiger | Norbert Raffelsiefen
Irrwitziges Grabkammerspiel
Franco Melis und Peter Stephan Herff witzeln sich durch Pyramidengänge – Ein urkomischer Theaterabend in der Comedia
„Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Doch hatte er, lieber Bertolt Brecht und obendrein so fähige Angestellte wie die professionellen Leibwächter Abus und Securus. Die beiden Herren im besten Alter hat es nun nach unzähligen Stationen ins ferne Ägypten verschlagen. Als erfahrene Überlebenskünstler konnten sie bislang in jeder noch so gefährlichen Lage den Kopf aus der Schlinge ziehen. Doch diesmal scheinen die beiden Römer mit ihrem Latein am Ende. Antonius und Kleopatra, ihren letzten Klienten, sind mausetot, aber scheinbar endet das Dienstverhältnis nicht mit dem Tod des berühmten Liebespaares. Schlecht für die zwei von der Security, gut für das Publikum, das so Zeuge eines urkomischen Grabgesanges werden darf. Unter der souveränen Regie von Deborah Krönung liefern Franco Melis und Peter Stephan Herff, zwei altgediente Comedians aus der Comedia, ein gewitztes Grabkammerspiel ab. Wenn das Duo mit der Bahre der Kleopatra im Schlepptau durch die Gänge der Pyramide irrt, zelebrieren sie allerfeinsten Slapstick. Da wird aus ein paar Bühnenelementen im intimen Saal der Comedia-Probebühne im Spiel der Akteure ein verzwicktes Labyrinth von Gängen, Höhlen und unsichtbaren Fallen. Ein ums andere Mal stößt sich Peter Stephan Herff den Kopf an tückischen Decken, lustig wird die Nummer, wie bei „Dinner for One“, aber erst, weil es nicht immer geschieht. Durch perfektes Timing wird auch der vergebliche Versuch, im Dunkel der Pyramide mit Weinbechern anzustoßen, zum komischen Kraftakt. Den Wein gibt’s, weil die Leibwächter, die noch nicht wirklich realisiert haben, dass sie nun Grabwächter sind, sich eingeschlossen in der Pyramide zuerst einmal eine gepflegte Brotzeit gönnen. Gewöhnen müssen sie sich auch daran, dass hier unten im analogen Ägypten ein leibhaftiger Bewegungsmelder seiner Arbeit nachgeht.
Das kurzweilige Stück, sehr frei nach, beziehungsweise „befreit von“ Shakespeare, ist in seinen 70 Minuten gespickt mit humoristischen Ausflügen in die Weltgeschichte und pointierten Kalauern, die auch ruhig einmal albern sein dürfen. Wie etwa im Dialog über den großen Widersacher von Antonius und Kleopatra: “ Octavian nennt sich jetzt Augustus“ – „Ach wie der Monat“. Der Blick auf die großen Momente der Historie wird hier konsequent mit der Frage „cui bono“ verbunden. Für Machtgelüste aller Art oder falsches Heldentum ist hier kein Platz. Was hilft es zum Beispiel, wenn man im Circus Maximus als Akteur gefeiert wird, um dann festzustellen, dass die Löwen einem erst die Show und dann das Leben stehlen.
Und weil wir es hier mit zwei waschechten Wärtern aus Bella Italia zu tun haben, wird auch der ein oder andere Italo-Schlager – mit teilweise angepassten Textzeilen – zum Besten gegeben. Das letzte Wort im Stück hat wie zu Beginn Billy Preston mit „Nothing from Nothing“. Der beschwingte Song mit melancholischen Untertönen passt perfekt als musikalische Klammer zu diesem gelungen Theaterabend.
Klabauter | 2021
Ein Projekt für drei Schauspieler:innen von Andrea Kramer & Ensemble
Eine Produktion von c.t.201 – Freies Theater Köln e.V.



Coming soon
Klabauter | 2021
Schauspiel von Andrea Kramer & Ensemble in einer Fassung für drei Schauspieler:innen
Eine Produktion von c.t.201 – Freies Theater Köln e.V.
Coming soon
Der Chinese | 2015
Schauspiel von Benjamin Lauterbach in einer Fassung für fünf Schauspieler:innen
Nominiert für den Kölner Theaterpreis 2015



Choices
Bio-Nazis
„Der Chinese“ im Theater im Bauturm
Schon bald ist China Wirtschaftsmacht Nummer Eins. In dieser Zukunft spielt Benjamin Lauterbachs „Der Chinese“. Deutschland ist ein von Importen unabhängiges Ökoland mit bio-nationalistischer Glücksverheißung. Eine Utopie, die angesichts von aktuellen Bio- und Gesundheitstrend gar nicht so utopisch klingt. Doch Kleingartenbesitzer sollten sich nicht zu früh freuen. Es braucht nur einen Chinesen, um alles ins Wanken zu bringen. Regisseur Rüdiger Pape macht aus der Groteske um eine deutsche Vorzeigefamilie eine gut getimte Sitcom im Schöner-Leben-Stil.
Auf komplett grüner Bühne sitzt die vor Freude jauchzende vierköpfige Familie wie Bio-Schaufensterpuppen vor ihren Heimatfrüchte-Drinks: „Wir lieben unseren Chinesen jetzt schon.“ Für die chinesische Regierung soll Herr Ting so viel wie möglich von den Öko-Deutschen lernen. Oder ist er doch ein Spion?
Eva Horstmanns gibt dauergrinsend und motorisch überkorrekt keinen Aufschluss darüber. Und kaum packt Herr Thing seine plastikvergifteten Gastgeschenke und sein Smartphone aus, wird er zum rot-gelben Feind im Grünland. Peter S. Herff wachsen als Vater Alexander und angestrengt selbstkontrollierter Beschützer des Familienglücks sichtlich die Schweißflecken auf der grünen Weste, während Chris Nonnast die strahlenden Gesichtszüge von Mutter Gwen herrlich psychopatisch entgleisen. Ihre finale Idee: Alex solle sich den Kopf einschlagen und es dann dem Ausländer in die Schuhe schieben. Dass wir eine neue Klasse zerebral gleichgeschalteter Bio-Nazis vor uns sehen, ist Papes Besetzung gedankt. Die zuckersüßen Kinder Maria-Lara und Niclas, die für Puppe und Spielzeugauto die Eltern denunzieren würden, geben Sibel Polat und Faris Yüzbasioglu. Multikulti, weltoffen und nachhaltig – so ist die neue deutsche Elite-Gesellschaft.
Auch wenn es hier und da klamaukt, schafft Pape eine fein pointierte Übersetzung des hintergründigen Textes. Dass wirtschaftliche Freiheit zu Lasten der persönlichen geht, Toleranz eigentlich Herablassung ist und das saftige Landgrün eher wie lackiertes Braun wirkt, machen die Finesse dieser zynischen Zukunfts-Satire aus.
koeln-nachrichten.de
Theater im Bauturm zeigt „Der Chinese“
Bitterböse Farce aus einer grünen deutschen Zukunft
Deutschland ist zum Paradies geworden: Kiwis und Bananen nur aus regionalem Anbau, kein Elektrosmog durch Handys, keine Urlaubsflüge, kein Plastikspielzeug, keine Chefs. Gesundheit zum Nutzen des Staates ist alles. Das alles angereichert mit Gehorsam, festen Regeln und Kindern, die ihre Eltern bespitzeln.
Eine Mischung aus XXL-grünen Visionen und vergangenem DDR-Sozialismus hat sich der Dramatiker Benjamin Lauterbach ausgedacht. Eine funktionierende Idylle – bis „Der Chinese“ hineinplatzt. Und im Theater im Bauturm das Publikum begeistert.
In grünes Dauer-Schummerlicht ist die Bühne getaucht. Vater Alexander (Peter S. Herff), Mutter Gwendolyn (Chris Nonnast), Tochter Maria-Lara (Sibel Polat) und Sohn Niclas (Faris Yüzbasioglu) bereiten das Begrüßungsessen – natürlich Bio-Sushi, chinesisches Nationalgericht, wie man glaubt – für den Gast aus China vorr. Dessen Besuch hat die Regierung vermittelt, er soll von Deutschland den Fortschritt lernen. Man fühlt sich überlegen und ist bestens über das zurückgebliebene China mit seinen Kitas und abhängiger Arbeit informiert. Meint man. Und fragen ist unhöflich.
Immer schön höflich bleiben – auch wenn die Gastgeschenke aus Plastik sind
Dann klingelt es: Es kommt – ganz in Rot – Herr Ting, der Chinese (Eva Horstmann). Und spätestens als er seine Gastgeschenke auspackt, ist die Stimmung gestört: Für die Mutter einen Staubsaug-Roboter, den Vater eine Winkekatze, für Niclas einenB ferngesteuerten Spielzeug-Mercedes und für Maria-Lisa eine große Puppe. Natürlich alles aus Plastik – sehr zum Missfallen der Eltern. Die Kinder dagegen sind von dem unbekannten Spielzeug begeistert. Doch damit spielen ist nicht, sie müssen – Regel ist Regel – ins Bett.
Und der Chinese? Der streift nachts durch die Wohnung, macht jede Menge Selfies. Ein Spion, der mehr wissen will von der Erfindung des Vaters, einem geheimnisvollen „Teiler“? Er wird überwältigt. Kann sich der Vater nun vom Staat als Held feiern lassen? Man entscheidet sich fürs Schweigen, schließlich sind da auch noch die Kinder. Die wollen nämlich den Lehrern erzählen, dass sie schlecht erzogen werden – so erpressen sie sich die Freigabe des neuen Spielzeugs. Der Beschluss steht: Der Gast muss das Haus verlassen. Der Chinese fügt sich – ein kurzer Besuch.
Rüdiger Pape hat die böse Farce mit gewohnt leichter Hand inszeniert
Es ist eine böse Farce, die Rüdiger Pape mit gewohnt leichter Hand inszeniert hat. In bester Boulevard-Manier – heimliche Lauscher, überraschende Auftritte – erzählt er die Geschichte. Die Familienmitglieder erweisen sich als kleine, bigotte Spießer, die ihren Egoismus hinter pathetischen Posen und hohlen Phrasen verstecken. Selbst die Kinder wissen ihr Ziel zu erreichen. Pape zeichnet das Quartett hart am Rande der Karikatur, doch die Schauspielerinnen und Schauspieler verleihen ihren Rollen selbst in ihrer Zwiespaltigkeit Glaubwürdigkeit. Und verschmitzt bestimmt der Chinese das Geschehen. Schließlich hat er alle deutschen Wörter gelernt. Und sicher noch ein bisschen mehr.
Der Chinese | 2015
Schauspiel von Benjamin Lauterbach in einer Fassung für fünf Schauspieler:innen
Nominiert für den Kölner Theaterpreis 2015
Choices
Bio-Nazis
„Der Chinese“ im Theater im Bauturm
Schon bald ist China Wirtschaftsmacht Nummer Eins. In dieser Zukunft spielt Benjamin Lauterbachs „Der Chinese“. Deutschland ist ein von Importen unabhängiges Ökoland mit bio-nationalistischer Glücksverheißung. Eine Utopie, die angesichts von aktuellen Bio- und Gesundheitstrend gar nicht so utopisch klingt. Doch Kleingartenbesitzer sollten sich nicht zu früh freuen. Es braucht nur einen Chinesen, um alles ins Wanken zu bringen. Regisseur Rüdiger Pape macht aus der Groteske um eine deutsche Vorzeigefamilie eine gut getimte Sitcom im Schöner-Leben-Stil.
Auf komplett grüner Bühne sitzt die vor Freude jauchzende vierköpfige Familie wie Bio-Schaufensterpuppen vor ihren Heimatfrüchte-Drinks: „Wir lieben unseren Chinesen jetzt schon.“ Für die chinesische Regierung soll Herr Ting so viel wie möglich von den Öko-Deutschen lernen. Oder ist er doch ein Spion?
Eva Horstmanns gibt dauergrinsend und motorisch überkorrekt keinen Aufschluss darüber. Und kaum packt Herr Thing seine plastikvergifteten Gastgeschenke und sein Smartphone aus, wird er zum rot-gelben Feind im Grünland. Peter S. Herff wachsen als Vater Alexander und angestrengt selbstkontrollierter Beschützer des Familienglücks sichtlich die Schweißflecken auf der grünen Weste, während Chris Nonnast die strahlenden Gesichtszüge von Mutter Gwen herrlich psychopatisch entgleisen. Ihre finale Idee: Alex solle sich den Kopf einschlagen und es dann dem Ausländer in die Schuhe schieben. Dass wir eine neue Klasse zerebral gleichgeschalteter Bio-Nazis vor uns sehen, ist Papes Besetzung gedankt. Die zuckersüßen Kinder Maria-Lara und Niclas, die für Puppe und Spielzeugauto die Eltern denunzieren würden, geben Sibel Polat und Faris Yüzbasioglu. Multikulti, weltoffen und nachhaltig – so ist die neue deutsche Elite-Gesellschaft.
Auch wenn es hier und da klamaukt, schafft Pape eine fein pointierte Übersetzung des hintergründigen Textes. Dass wirtschaftliche Freiheit zu Lasten der persönlichen geht, Toleranz eigentlich Herablassung ist und das saftige Landgrün eher wie lackiertes Braun wirkt, machen die Finesse dieser zynischen Zukunfts-Satire aus.
koeln-nachrichten.de
Theater im Bauturm zeigt „Der Chinese“
Bitterböse Farce aus einer grünen deutschen Zukunft
Deutschland ist zum Paradies geworden: Kiwis und Bananen nur aus regionalem Anbau, kein Elektrosmog durch Handys, keine Urlaubsflüge, kein Plastikspielzeug, keine Chefs. Gesundheit zum Nutzen des Staates ist alles. Das alles angereichert mit Gehorsam, festen Regeln und Kindern, die ihre Eltern bespitzeln.
Eine Mischung aus XXL-grünen Visionen und vergangenem DDR-Sozialismus hat sich der Dramatiker Benjamin Lauterbach ausgedacht. Eine funktionierende Idylle – bis „Der Chinese“ hineinplatzt. Und im Theater im Bauturm das Publikum begeistert.
In grünes Dauer-Schummerlicht ist die Bühne getaucht. Vater Alexander (Peter S. Herff), Mutter Gwendolyn (Chris Nonnast), Tochter Maria-Lara (Sibel Polat) und Sohn Niclas (Faris Yüzbasioglu) bereiten das Begrüßungsessen – natürlich Bio-Sushi, chinesisches Nationalgericht, wie man glaubt – für den Gast aus China vorr. Dessen Besuch hat die Regierung vermittelt, er soll von Deutschland den Fortschritt lernen. Man fühlt sich überlegen und ist bestens über das zurückgebliebene China mit seinen Kitas und abhängiger Arbeit informiert. Meint man. Und fragen ist unhöflich.
Immer schön höflich bleiben – auch wenn die Gastgeschenke aus Plastik sind
Dann klingelt es: Es kommt – ganz in Rot – Herr Ting, der Chinese (Eva Horstmann). Und spätestens als er seine Gastgeschenke auspackt, ist die Stimmung gestört: Für die Mutter einen Staubsaug-Roboter, den Vater eine Winkekatze, für Niclas einenB ferngesteuerten Spielzeug-Mercedes und für Maria-Lisa eine große Puppe. Natürlich alles aus Plastik – sehr zum Missfallen der Eltern. Die Kinder dagegen sind von dem unbekannten Spielzeug begeistert. Doch damit spielen ist nicht, sie müssen – Regel ist Regel – ins Bett.
Und der Chinese? Der streift nachts durch die Wohnung, macht jede Menge Selfies. Ein Spion, der mehr wissen will von der Erfindung des Vaters, einem geheimnisvollen „Teiler“? Er wird überwältigt. Kann sich der Vater nun vom Staat als Held feiern lassen? Man entscheidet sich fürs Schweigen, schließlich sind da auch noch die Kinder. Die wollen nämlich den Lehrern erzählen, dass sie schlecht erzogen werden – so erpressen sie sich die Freigabe des neuen Spielzeugs. Der Beschluss steht: Der Gast muss das Haus verlassen. Der Chinese fügt sich – ein kurzer Besuch.
Rüdiger Pape hat die böse Farce mit gewohnt leichter Hand inszeniert
Es ist eine böse Farce, die Rüdiger Pape mit gewohnt leichter Hand inszeniert hat. In bester Boulevard-Manier – heimliche Lauscher, überraschende Auftritte – erzählt er die Geschichte. Die Familienmitglieder erweisen sich als kleine, bigotte Spießer, die ihren Egoismus hinter pathetischen Posen und hohlen Phrasen verstecken. Selbst die Kinder wissen ihr Ziel zu erreichen. Pape zeichnet das Quartett hart am Rande der Karikatur, doch die Schauspielerinnen und Schauspieler verleihen ihren Rollen selbst in ihrer Zwiespaltigkeit Glaubwürdigkeit. Und verschmitzt bestimmt der Chinese das Geschehen. Schließlich hat er alle deutschen Wörter gelernt. Und sicher noch ein bisschen mehr.
Ein Klavier! Ein Klavier! | 2015
Ein Loriot-Abend mit Live-Musik in einer Fassung für fünf Schauspieler:innen und zwei Sänger:innen
Eine Produktion der Kammeroper Köln im Walzwerk Pulheim



Rhein-Erft Rundschau | Ulrike Weinert
Publikum lacht sich schief bei Loriot-Abend in Pulheim
Einlass nicht nur für drei Erwachsene und einen Riesenschnauzer gewährt die Kammeroper Köln zu ihrem großen Loriot-Abend „Ein Klavier! Ein Klavier!“. Das Musiktheater im Walzwerk hat sich das rote Sofa des Humoristen Vicco von Bülow ins Haus geholt. Darauf nehmen drei Sängerinnen und vier Sänger Platz und empfangen das legendäre Musikmöbel von Oma Berta Panislowski aus Massachusetts.
Zunächst lässt Regisseur Volker Hein die Revuespieler selbst an der Opernkasse anstehen. „Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“, erklärt das Kartenverkaufspersonal. „Martha ist meine Schwägerin“, verkündet der Herr in der Warteschlange. Der will obendrein wissen, ob die Oper „was mit Hunden“ spielt und spendiert schließlich dem Riesenschnauzer eines anderen Opernfreundes ein Ticket. Egal wie bekannt solche Sketche aus Loriot-Abenden im Fernsehen sind, das Publikum lacht sich so schief wie das Bild von Botticellis Venus mit Knollennase, das in der Kammeroper über dem Loriot-Sofa hängt.
Kleine Frivolitäten
„Wo singen sie denn?“, möchte man fragen, frei nach Loriots Rennbahn-Zeichentricksketch „Wo laufen sie denn?“ Sung-Joon Kwon hat die Musikauswahl getroffen und begleitet die Darbietungen am Klavier. Das komische Gefälle, das zum Lachen bringt, ist am größten, wenn Dominic Kron die handelsübliche Bade-Ente mit Richard Wagners Lohengrin-Arie „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan“ ansingt.
Ausstatter Julian Rohde hat das Sofa so geschickt gebaut, dass im Handumdrehen die Badewanne draus wird, in der Herr Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klöbner ihre Hahnenkämpfe um zu Wasser gelassene Enten und gezogene Stöpsel ausfechten. „Ach was!“, ist der Lieblingskommentar von Loriots skurrilen Figuren, wenn sich die Konversation gänzlich verheddert hat. Kleine Frivolitäten in Aussprüchen wie „Aber ich kann länger als Sie“ von den Herren im Bad übersetzt die Inszenierung der Kammeroper ins Visuelle. Claudia Dalchow zieht sich beim Abstauben des Klaviers vom züchtigen Hausmädchen um zur feschen Lola in Strapsen, die keinen an ihr Pianola lässt. Der Zwist ums Ei am ehelichen Küchentisch eskaliert heiter in dem 1920-er-Jahre-Gassenhauer „Mein Papagei frisst keine harten Eier“.
Wie sich alle sieben Darsteller auf seinem geschwungenen Plüschmöbel bequem einrichten und die Damen den Marsch „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ aus der „Lustigen Witwe“ zurückblasen, hätte dem begnadeten Karikaturisten auf dem Zeichenpapier und auf der Bühne wohl gefallen. Mit einem Loriot’schen Jodeldiplom erster Güte garnieren die Gesangseinlagen von Martin-Maria Vogel, Lisa Ströckens, Dominic Kron, Peter Herff, Sabine Barth, Claudia Dalchow und Wolfram Fuchs die witzigen Szenen. „Schmeckt’s?“, wird der Schnitzelesser im letzten Sketch gefragt, bevor er einen Bissen herunterbekommen hat. Das Premierenpublikum hat Loriots frisch musikalisch aufpolierten Humor goutiert.
Ein Klavier! Ein Klavier! | 2015
Ein Loriot-Abend mit Live-Musik in einer Fassung für fünf Schauspieler:innen und zwei Sänger:innen
Eine Produktion der Kammeroper Köln im Walzwerk Pulheim
Rhein-Erft Rundschau | Ulrike Weinert
Publikum lacht sich schief bei Loriot-Abend in Pulheim
Einlass nicht nur für drei Erwachsene und einen Riesenschnauzer gewährt die Kammeroper Köln zu ihrem großen Loriot-Abend „Ein Klavier! Ein Klavier!“. Das Musiktheater im Walzwerk hat sich das rote Sofa des Humoristen Vicco von Bülow ins Haus geholt. Darauf nehmen drei Sängerinnen und vier Sänger Platz und empfangen das legendäre Musikmöbel von Oma Berta Panislowski aus Massachusetts.
Zunächst lässt Regisseur Volker Hein die Revuespieler selbst an der Opernkasse anstehen. „Siegfried ist heute, Donnerstag ist Martha“, erklärt das Kartenverkaufspersonal. „Martha ist meine Schwägerin“, verkündet der Herr in der Warteschlange. Der will obendrein wissen, ob die Oper „was mit Hunden“ spielt und spendiert schließlich dem Riesenschnauzer eines anderen Opernfreundes ein Ticket. Egal wie bekannt solche Sketche aus Loriot-Abenden im Fernsehen sind, das Publikum lacht sich so schief wie das Bild von Botticellis Venus mit Knollennase, das in der Kammeroper über dem Loriot-Sofa hängt.
Kleine Frivolitäten
„Wo singen sie denn?“, möchte man fragen, frei nach Loriots Rennbahn-Zeichentricksketch „Wo laufen sie denn?“ Sung-Joon Kwon hat die Musikauswahl getroffen und begleitet die Darbietungen am Klavier. Das komische Gefälle, das zum Lachen bringt, ist am größten, wenn Dominic Kron die handelsübliche Bade-Ente mit Richard Wagners Lohengrin-Arie „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan“ ansingt.
Ausstatter Julian Rohde hat das Sofa so geschickt gebaut, dass im Handumdrehen die Badewanne draus wird, in der Herr Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klöbner ihre Hahnenkämpfe um zu Wasser gelassene Enten und gezogene Stöpsel ausfechten. „Ach was!“, ist der Lieblingskommentar von Loriots skurrilen Figuren, wenn sich die Konversation gänzlich verheddert hat. Kleine Frivolitäten in Aussprüchen wie „Aber ich kann länger als Sie“ von den Herren im Bad übersetzt die Inszenierung der Kammeroper ins Visuelle. Claudia Dalchow zieht sich beim Abstauben des Klaviers vom züchtigen Hausmädchen um zur feschen Lola in Strapsen, die keinen an ihr Pianola lässt. Der Zwist ums Ei am ehelichen Küchentisch eskaliert heiter in dem 1920-er-Jahre-Gassenhauer „Mein Papagei frisst keine harten Eier“.
Wie sich alle sieben Darsteller auf seinem geschwungenen Plüschmöbel bequem einrichten und die Damen den Marsch „Ja, das Studium der Weiber ist schwer“ aus der „Lustigen Witwe“ zurückblasen, hätte dem begnadeten Karikaturisten auf dem Zeichenpapier und auf der Bühne wohl gefallen. Mit einem Loriot’schen Jodeldiplom erster Güte garnieren die Gesangseinlagen von Martin-Maria Vogel, Lisa Ströckens, Dominic Kron, Peter Herff, Sabine Barth, Claudia Dalchow und Wolfram Fuchs die witzigen Szenen. „Schmeckt’s?“, wird der Schnitzelesser im letzten Sketch gefragt, bevor er einen Bissen herunterbekommen hat. Das Premierenpublikum hat Loriots frisch musikalisch aufpolierten Humor goutiert.
Unter Tage | 2010
Schauspiel von Adnan G. Köse in einer Fassung für vier Schauspieler:innen in der Zeche Lohberg / Dinslaken



Rheinische Post
Ein Raum voller Erinnerungen
Die Aufführung von Adnan Köses Stück „Unter Tage“ in der Schwarzkaue der Zeche Lohberg beschert
einen sehr bewegenden Theaterabend. Die kraftvolle Präsenz der Darsteller fesselt.
Die drei wichtigsten Fragen: Hast du schlimm gefroren? Übt der verlassene Zechenraum einen Zauber aus? Hat das Schauspiel dich berührt? In der Schwarzkaue der Zeche Lohberg ist es kalt, natürlich ist es kalt, aber nicht unerträglich mit warmer Kleidung, außerdem liegen schwere Wolldecken und kleine Handwärmkissen am Platz. So lassen sich die zwei Stunden, die die Aufführung von Adnan Köses Theaterstück „Unter Tage“ dauert, ganz gut aushalten.
Ansonsten: zweimal Ja. Die Inszenierung ist spannend, das Gesamtpaket mit Knappenchor und Doku-Film vorab sehr stimmig; die Schauspieler spielen furios, mit Pistole in der Hand erschreckend gut im Wortsinn. Und der Raum? Der Raum – kahl bis auf zwei karge Holzbänke – ist die Wucht.
Tickende Zeitbombe
In der Schwarzkaue haben die Kumpel früher, bevor das Bergwerk 2005 schloss, ihre kohlenstaubige Arbeitskleidung in Körben zur Decke gezogen bis zur nächsten Schicht. Die Körbe hängen noch immer da oben, spinnengleich, fürs Theaterspiel rot angeschimmert, wie in stummer Verweigerung: Uns bekommt ihr hier nicht weg. Statt dreckigem Deutschleder tragen sie nun schwer an Erinnerungen.
Mit seinem Drama „Unter Tage“, uraufgeführt 2003 auch schon auf Lohberg, leistet Autor und Regisseur Adnan Köse Erinnerungsarbeit. Er hält Rückschau auf den Bergbau an sich, die Geschichte der Gastarbeiter, das Zechensterben. Doch kämpfen seine Figuren nicht allein mit ihrer Vergangenheit als Kumpel, sondern auch mit ihren familiären Verstrickungen und Enttäuschungen. Wenn sie von Großvater oder Vater erzählen, durch einen Lichtstrahl aus Raum und Zeit gehoben, hat die Aufführung ihre stärksten, ihren bewegendsten, ihre rührendsten Momente.
Ein klassischer Konflikt am Tag, als die Zeche Lohberg stirbt: zwei Brüder prallen aufeinander, das Gemisch aus ewigem Kräftemessen, Eifersucht auf den Vater, Gezerre um die Geliebte, Angst vor der Zukunft ist explosiv. Thomas ist eine tickende Zeitbombe, mit der Pistole in der blutigen Faust fühlt er sich gut. Der Bruder, Ritchie, ist ein klassischer Zauderer. Den entscheidenden Unterschied zwischen beiden hat Köse in einem Satz aufgeschrieben, den Ritchie zu Thomas sagt: „ich bin auch ein Loser, aber ich zerstöre mich nicht selber.“ Die Freiheit der Wahl, wie sie in „Unter Tage beschworen wird, läuft für Köse nicht auf Zerstörung hinaus, sondern auf Erneuerung. So wie Lohberg sich jetzt als Kreativstandort erneuert. Deshalb hat der Lohberger, der noch selber einfuhr, sein Stück für die Ruhr.2010 wieder aufgenommen. „Unter Tage“ lebt von den drei Hauptfiguren und ihren kraftvollen Darstellern mehr als von der zum Ende hin ein wenig übergroßen Tragödie. Je geisterhafter das Stück wird, desto mehr schwindet die körperliche, bedrängende Präsenz von Thomas, Ritchie und deren Kumpel Kemal. Er, fabelhaft ungekünstelt gespielt von Aydin Isik, räumt irgendwann das Feld für die Abrechnung der Brüder – und lässt eine große Leere zurück.
Der Abend beginnt mit zwei Liedern des MGV Concordia Lohberg in Knappentracht. Einer der Sänger erzählt, wie er in der leeren Schwarzkaue noch immer die Stimmen seiner Kumpel höre, „Glückauf, und eine gute Schicht“. Danach läuft ein kurzer, sehr feiner Dokumentarfilm über die Arbeit auf Lohberg, gedreht 2003 von der Niederländerin Jiska Rickels. Minute für Minute verschwimmen Leinwand und Schwarzkaue mehr und mehr ineinander und schließlich ist es, als würden Wörter und Töne aus dem Raum dringen, und die Bilder liefen stumm ab. Sehr sehr lang anhaltender Applaus des Premierenpublikums, stehende Ovationen in der ausverkauften Schwarzkaue. Und ein glücklich lächelnder Adnan Köse.
NRZ Dinslaken
„Unter Tage“ überzeugte
Dinslaken. Jahrzehnte lang hat Thomas versucht, es allen recht zu machen. Mit 15 Jahren begann er, wie sein Vater unter Tage zu schuften, um bessere Bildungschancen für den jüngeren Bruder zu ermöglichen. Er heiratete und überschuldete sich, um seiner Familie Haus, Auto und die vermeintlichen Notwendigkeiten der Konsumwelt auf Pump zu kaufen. Er machte sich am Rande des Fußballfelds als Betreuer der Püttmannschaft unentbehrlich.
Jetzt steht er mit der Knarre in der Hand in der Schwarzkaue der Zeche. Vor ihm sein fassungsloser Bruder Ritchie und dessen bester Freund Kemal, dem ein bestimmtes Glitzern in Thomas Augen immer unheimlich war. Zu seinen Füßen, getreten und blutüberströmt, ein Unternehmensberater. Ein Sündenbock in Thomas‘ Verschwörungstheorien, ein Opfer seiner Aggressionen, die nun alle auf einmal aus dem Bergmann heraus brechen. Als Kind kämpfte Thomas vergeblich um die Liebe und Anerkennung seines Vater. Jetzt kämpfen die Bergleute draußen auf der Straße gegen das beschlossene Aus für die Zeche. Und Thomas ist an diesem 4. Dezember, dem Tag der Heiligen Barbara, zum Amokläufer geworden.
Es war ein düsteres, verstörendes und fesselndes Drama, das Adnan Köse und das Kölner Arkadas Theater dem Premierenpublikum von „Unter Tage” vorgestern in der Schwarzkaue des ehemaligen Bergwerks Lohberg boten. Theater hautnah – nichts trennte die erste Reihe des vom Bochumer Theater Total quasi aus dem Nichts errichteten, leicht ansteigenden Zuschauerbereichs von den Protagonisten, die zu ihren Füßen stritten, litten, verbluteten, sich beinahe zu Tode würgten.
Abgesang auf den Bergbau
Andreas Joachim Hertel (Thomas), in Dinslaken von der Burghofbühne bekannt, spielt den brutalen Amokläufer als Menschen mit verletzter Seele, ein engagierter Verfechter des Bergbaus, der das Publikum in direkter Ansprache zum Arbeitskampf auffordert. Doch der Inhalt solcher Reden ist längst von der Realität eingeholt worden. Die Parolen sind nun Worte eines Irren, Thomas sackt in sich zusammen und sucht einmal mehr bei seinen Tabletten halt.
Das Stück ist der Abgesang eines Sohnes, Bruders, Familienvaters und Arbeiters. Es ist zugleich ein Abgesang auf den Bergbau, dem Köse mit seinem Drama ein Denkmal setzt. Ein großes, imposantes Mahnmal, auf dessen kohlenstaubgeschwärztem Relief die Legende der Heiligen Barbara neben der Geschichte der türkischen Bergarbeiter, die zwischen Träumen und Heimat entscheiden mussten, steht. Das vom Zusammenhalt der Kumpels bekrönt ist und auch ihre treuen Grubengäule nicht vergisst. Dessen Fundament von der Suche nach der schwarzen und der silbernen Kohle einst errichtet und nun von Rentabilitätsrechnungen zersetzt wurde. Das in seiner 100-Jährigen Geschichte nicht nur Familien ernährte, sondern auch so manchen treuen Bergmann unter sich begrub.
„Unter Tage” fesselt durch Emotionen. Wenn Aydin Isik vor den Ketten der Kauenhaken, die wie ein durchsichtiger Vorhang den Blick auf die rot ausgeleuchteten Körbe an der Decke freigeben, ein türkisches Lied singt. Wenn Hertel und Peter S. Herff das „Vater unser” sprechen und letzterem echte Tränen die Wange herab laufen. Zugleich lernen diejenigen im Publikum, die keine Berührung zum Bergbau hatten, eine ihnen fremde Welt aus der jüngsten Vergangenheit ihrer direkten Nachbarschaft kennen.
Das Publikum wurde zu Beginn der Veranstaltung vom „Foyer” Licht- und Lohnhalle zur Schwarzkaue geführt. Es erlebte den echte Arbeitsalltag auf Lohberg in einem Kurzfilm der Holländerin Jiska Rickels. Der MGV Concordia sang Bergmannslieder, ein beeindruckendes Erlebnis nicht nur wegen der Authentizität des Ortes sondern auch wegen der verhallten Akustik der Schwarzkaue. Adnan Köse führte mit dem Vorsitzenden des 1916 gegründeten bergmännischen Chores Jürgen Schüring ein Interview, in dem dieser auch dem „Herzenswunsch” Ausdruck verlieh, die Fördertürme mögen als Landmarken erhalten bleiben.
Ein Stück Ruhrgebietskultur
Später trugen Mitglieder des MGV Concordia dazu bei, die Inszenierung wie eine klassische Tragödie zu beenden.
Langer Applaus für einen Stück, das man als ein echtes Stück Ruhrgebietskultur wohl gesehen haben muss in der dem Abriss geweihten, eiskalten Schwarzkaue.
Unter Tage | 2010
Schauspiel von Adnan G. Köse in einer Fassung für vier Schauspieler:innen in der Zeche Lohberg / Dinslaken
Rheinische Post
Ein Raum voller Erinnerungen
Die Aufführung von Adnan Köses Stück „Unter Tage“ in der Schwarzkaue der Zeche Lohberg beschert
einen sehr bewegenden Theaterabend. Die kraftvolle Präsenz der Darsteller fesselt.
Die drei wichtigsten Fragen: Hast du schlimm gefroren? Übt der verlassene Zechenraum einen Zauber aus? Hat das Schauspiel dich berührt? In der Schwarzkaue der Zeche Lohberg ist es kalt, natürlich ist es kalt, aber nicht unerträglich mit warmer Kleidung, außerdem liegen schwere Wolldecken und kleine Handwärmkissen am Platz. So lassen sich die zwei Stunden, die die Aufführung von Adnan Köses Theaterstück „Unter Tage“ dauert, ganz gut aushalten.
Ansonsten: zweimal Ja. Die Inszenierung ist spannend, das Gesamtpaket mit Knappenchor und Doku-Film vorab sehr stimmig; die Schauspieler spielen furios, mit Pistole in der Hand erschreckend gut im Wortsinn. Und der Raum? Der Raum – kahl bis auf zwei karge Holzbänke – ist die Wucht.
Tickende Zeitbombe
In der Schwarzkaue haben die Kumpel früher, bevor das Bergwerk 2005 schloss, ihre kohlenstaubige Arbeitskleidung in Körben zur Decke gezogen bis zur nächsten Schicht. Die Körbe hängen noch immer da oben, spinnengleich, fürs Theaterspiel rot angeschimmert, wie in stummer Verweigerung: Uns bekommt ihr hier nicht weg. Statt dreckigem Deutschleder tragen sie nun schwer an Erinnerungen.
Mit seinem Drama „Unter Tage“, uraufgeführt 2003 auch schon auf Lohberg, leistet Autor und Regisseur Adnan Köse Erinnerungsarbeit. Er hält Rückschau auf den Bergbau an sich, die Geschichte der Gastarbeiter, das Zechensterben. Doch kämpfen seine Figuren nicht allein mit ihrer Vergangenheit als Kumpel, sondern auch mit ihren familiären Verstrickungen und Enttäuschungen. Wenn sie von Großvater oder Vater erzählen, durch einen Lichtstrahl aus Raum und Zeit gehoben, hat die Aufführung ihre stärksten, ihren bewegendsten, ihre rührendsten Momente.
Ein klassischer Konflikt am Tag, als die Zeche Lohberg stirbt: zwei Brüder prallen aufeinander, das Gemisch aus ewigem Kräftemessen, Eifersucht auf den Vater, Gezerre um die Geliebte, Angst vor der Zukunft ist explosiv. Thomas ist eine tickende Zeitbombe, mit der Pistole in der blutigen Faust fühlt er sich gut. Der Bruder, Ritchie, ist ein klassischer Zauderer. Den entscheidenden Unterschied zwischen beiden hat Köse in einem Satz aufgeschrieben, den Ritchie zu Thomas sagt: „ich bin auch ein Loser, aber ich zerstöre mich nicht selber.“ Die Freiheit der Wahl, wie sie in „Unter Tage beschworen wird, läuft für Köse nicht auf Zerstörung hinaus, sondern auf Erneuerung. So wie Lohberg sich jetzt als Kreativstandort erneuert. Deshalb hat der Lohberger, der noch selber einfuhr, sein Stück für die Ruhr.2010 wieder aufgenommen. „Unter Tage“ lebt von den drei Hauptfiguren und ihren kraftvollen Darstellern mehr als von der zum Ende hin ein wenig übergroßen Tragödie. Je geisterhafter das Stück wird, desto mehr schwindet die körperliche, bedrängende Präsenz von Thomas, Ritchie und deren Kumpel Kemal. Er, fabelhaft ungekünstelt gespielt von Aydin Isik, räumt irgendwann das Feld für die Abrechnung der Brüder – und lässt eine große Leere zurück.
Der Abend beginnt mit zwei Liedern des MGV Concordia Lohberg in Knappentracht. Einer der Sänger erzählt, wie er in der leeren Schwarzkaue noch immer die Stimmen seiner Kumpel höre, „Glückauf, und eine gute Schicht“. Danach läuft ein kurzer, sehr feiner Dokumentarfilm über die Arbeit auf Lohberg, gedreht 2003 von der Niederländerin Jiska Rickels. Minute für Minute verschwimmen Leinwand und Schwarzkaue mehr und mehr ineinander und schließlich ist es, als würden Wörter und Töne aus dem Raum dringen, und die Bilder liefen stumm ab. Sehr sehr lang anhaltender Applaus des Premierenpublikums, stehende Ovationen in der ausverkauften Schwarzkaue. Und ein glücklich lächelnder Adnan Köse.
NRZ Dinslaken
„Unter Tage“ überzeugte
Dinslaken. Jahrzehnte lang hat Thomas versucht, es allen recht zu machen. Mit 15 Jahren begann er, wie sein Vater unter Tage zu schuften, um bessere Bildungschancen für den jüngeren Bruder zu ermöglichen. Er heiratete und überschuldete sich, um seiner Familie Haus, Auto und die vermeintlichen Notwendigkeiten der Konsumwelt auf Pump zu kaufen. Er machte sich am Rande des Fußballfelds als Betreuer der Püttmannschaft unentbehrlich.
Jetzt steht er mit der Knarre in der Hand in der Schwarzkaue der Zeche. Vor ihm sein fassungsloser Bruder Ritchie und dessen bester Freund Kemal, dem ein bestimmtes Glitzern in Thomas Augen immer unheimlich war. Zu seinen Füßen, getreten und blutüberströmt, ein Unternehmensberater. Ein Sündenbock in Thomas‘ Verschwörungstheorien, ein Opfer seiner Aggressionen, die nun alle auf einmal aus dem Bergmann heraus brechen. Als Kind kämpfte Thomas vergeblich um die Liebe und Anerkennung seines Vater. Jetzt kämpfen die Bergleute draußen auf der Straße gegen das beschlossene Aus für die Zeche. Und Thomas ist an diesem 4. Dezember, dem Tag der Heiligen Barbara, zum Amokläufer geworden.
Es war ein düsteres, verstörendes und fesselndes Drama, das Adnan Köse und das Kölner Arkadas Theater dem Premierenpublikum von „Unter Tage” vorgestern in der Schwarzkaue des ehemaligen Bergwerks Lohberg boten. Theater hautnah – nichts trennte die erste Reihe des vom Bochumer Theater Total quasi aus dem Nichts errichteten, leicht ansteigenden Zuschauerbereichs von den Protagonisten, die zu ihren Füßen stritten, litten, verbluteten, sich beinahe zu Tode würgten.
Abgesang auf den Bergbau
Andreas Joachim Hertel (Thomas), in Dinslaken von der Burghofbühne bekannt, spielt den brutalen Amokläufer als Menschen mit verletzter Seele, ein engagierter Verfechter des Bergbaus, der das Publikum in direkter Ansprache zum Arbeitskampf auffordert. Doch der Inhalt solcher Reden ist längst von der Realität eingeholt worden. Die Parolen sind nun Worte eines Irren, Thomas sackt in sich zusammen und sucht einmal mehr bei seinen Tabletten halt.
Das Stück ist der Abgesang eines Sohnes, Bruders, Familienvaters und Arbeiters. Es ist zugleich ein Abgesang auf den Bergbau, dem Köse mit seinem Drama ein Denkmal setzt. Ein großes, imposantes Mahnmal, auf dessen kohlenstaubgeschwärztem Relief die Legende der Heiligen Barbara neben der Geschichte der türkischen Bergarbeiter, die zwischen Träumen und Heimat entscheiden mussten, steht. Das vom Zusammenhalt der Kumpels bekrönt ist und auch ihre treuen Grubengäule nicht vergisst. Dessen Fundament von der Suche nach der schwarzen und der silbernen Kohle einst errichtet und nun von Rentabilitätsrechnungen zersetzt wurde. Das in seiner 100-Jährigen Geschichte nicht nur Familien ernährte, sondern auch so manchen treuen Bergmann unter sich begrub.
„Unter Tage” fesselt durch Emotionen. Wenn Aydin Isik vor den Ketten der Kauenhaken, die wie ein durchsichtiger Vorhang den Blick auf die rot ausgeleuchteten Körbe an der Decke freigeben, ein türkisches Lied singt. Wenn Hertel und Peter S. Herff das „Vater unser” sprechen und letzterem echte Tränen die Wange herab laufen. Zugleich lernen diejenigen im Publikum, die keine Berührung zum Bergbau hatten, eine ihnen fremde Welt aus der jüngsten Vergangenheit ihrer direkten Nachbarschaft kennen.
Das Publikum wurde zu Beginn der Veranstaltung vom „Foyer” Licht- und Lohnhalle zur Schwarzkaue geführt. Es erlebte den echte Arbeitsalltag auf Lohberg in einem Kurzfilm der Holländerin Jiska Rickels. Der MGV Concordia sang Bergmannslieder, ein beeindruckendes Erlebnis nicht nur wegen der Authentizität des Ortes sondern auch wegen der verhallten Akustik der Schwarzkaue. Adnan Köse führte mit dem Vorsitzenden des 1916 gegründeten bergmännischen Chores Jürgen Schüring ein Interview, in dem dieser auch dem „Herzenswunsch” Ausdruck verlieh, die Fördertürme mögen als Landmarken erhalten bleiben.
Ein Stück Ruhrgebietskultur
Später trugen Mitglieder des MGV Concordia dazu bei, die Inszenierung wie eine klassische Tragödie zu beenden.
Langer Applaus für einen Stück, das man als ein echtes Stück Ruhrgebietskultur wohl gesehen haben muss in der dem Abriss geweihten, eiskalten Schwarzkaue.
Sein oder Nichtsein | 2008
Schauspiel mit Live-Musik nach dem gleichnamigen Film-Klassiker von Ernst Lubitsch in einer Fassung für zehn Schauspieler:innen und fünf Musiker:innen
Eine Koproduktion von Theater im Bautrum und Theater der Keller



Kölner Stadt-Anzeiger
Hamlet und Hitlergruß
Temporeiche Komödie des Theater der Keller und des Bauturm-Theaters in Köln
„Die Nazischergen stehen stramm, der „Führer“ erscheint und beantwortet den Hitlergruß unkonventionell: „Ich heil mich selbst.“ Während die Zuschauer in Gelächter ausbrechen, stürmt der Regisseur die Bühne und fährt dem Schauspieler in die Parade. Dessen Kollege Grünberg aber weiß: „Einen Lacher soll man nie verachten.“
Die Eröffnung ist fast eins zu eins aus Ernst Lubitschs Filmkomödie „Sein oder Nichtsein“ (1942) übernommen und macht in Rüdiger Papes Inszenierung kurzen Prozess mit einer alten Debatte. Über Hitler lachen? Dass man das darf, darüber besteht heute ein breiter Konsens. Dass man kann, zeigen schon die ersten Minuten im vollbesetzten Millowitsch-Theater in Köln. Souverän zurrt Pape die verschachtelten Handlungsebenen zusammen: Die Satire um eine polnische Theatergruppe, die 1939 eine antifaschistische Farce probt, auf den „Hamlet“ ausweichen muss und schließlich nach allen Regeln der (Bühnen)- Kunst die Gestapo austrickst, ist vielschichtig. Neben der Entlarvung von Naziritualen als faulem Zauber steht das Lustspiel um Josef und Maria Tura, den Ensemble-Stars, deren Ehe durch einen jungen Verehrer ins Schlingern gerät. Und, klar: Der Stoff bietet reichlich Gelegenheit, Empfindlichkeiten und Größenwahn der Theaterwelt aufs Korn zu nehmen.
Eine von vielen guten Regieeinfällen ist es, den Galan Marias (überzeugend: Tobias Licht) im Publikum zu platzieren. Hier verharrt er still, bis auf der Bühne Josef (großartig: Georg B. Lenzen) im albernen Hamlet-Kostüm mit dem Schädel in der Hand zum berühmten Monolog anhebt, und drängelt sich dann hinaus – was den Mimen zutiefst erschüttert. Überhaupt nutzt Pape auch den Zuschauerraum für sein Spiel-im-Spiel, lässt die Darsteller hier und dort auftauchen und durchbricht so die klassische Illusionstheatersituation, die er zugleich durch ein aufwendiges Bühnenbild (Petra Buchholz) und zahlreiche Wechsel der detailgetreuen Kostüme (Regina Rösing) gezielt aufbaut.
Mit der üppigen Ausstattung und einem starken, vierzehnköpfigen Ensemble plus drei fabelhaften Musikern ist die gelungene Kooperation der freien Häuser Keller und Bauturm – deren Leiter als „Höllenhunde“ der SS einen amüsanten Kurzauftritt bekommen – im Volkstheater nicht nur aus logistischen Gründen am richtigen Ort. Er unterstreicht das Boulevardeske der temporeichen, zweieinhalbstündigen Inszenierung mit ihren spritzigen Wortgefechten und schrägen Figuren wie dem von Pelle Pershing herrlich hyperventilierend gespielten Garderobier Sascha.
Nach der Pause, als das Spiel von Dirk Bachs schrill überzeichneter Karikatur „Konzentrationslager-Erhardt“ und dessen Blitzableiter „Schuuulze“ (Jonathan Briefs) dominiert wird, wechselt der Grundton ein wenig zu stark ins Slapstickhafte. Lacher – darauf scheint es dieser Produktion anzukommen – sind eben nicht zu verachten, wenn man dem Grauen beikommen will.
Stürmischer Premierenapplaus.“
Sein oder Nichtsein | 2008
Schauspiel mit Live-Musik nach dem gleichnamigen Film-Klassiker von Ernst Lubitsch in einer Fassung für zehn Schauspieler:innen und fünf Musiker:innen
Eine Koproduktion von Theater im Bautrum und Theater der Keller
Kölner Stadt-Anzeiger
Hamlet und Hitlergruß
Temporeiche Komödie des Theater der Keller und des Bauturm-Theaters in Köln
„Die Nazischergen stehen stramm, der „Führer“ erscheint und beantwortet den Hitlergruß unkonventionell: „Ich heil mich selbst.“ Während die Zuschauer in Gelächter ausbrechen, stürmt der Regisseur die Bühne und fährt dem Schauspieler in die Parade. Dessen Kollege Grünberg aber weiß: „Einen Lacher soll man nie verachten.“
Die Eröffnung ist fast eins zu eins aus Ernst Lubitschs Filmkomödie „Sein oder Nichtsein“ (1942) übernommen und macht in Rüdiger Papes Inszenierung kurzen Prozess mit einer alten Debatte. Über Hitler lachen? Dass man das darf, darüber besteht heute ein breiter Konsens. Dass man kann, zeigen schon die ersten Minuten im vollbesetzten Millowitsch-Theater in Köln. Souverän zurrt Pape die verschachtelten Handlungsebenen zusammen: Die Satire um eine polnische Theatergruppe, die 1939 eine antifaschistische Farce probt, auf den „Hamlet“ ausweichen muss und schließlich nach allen Regeln der (Bühnen)- Kunst die Gestapo austrickst, ist vielschichtig. Neben der Entlarvung von Naziritualen als faulem Zauber steht das Lustspiel um Josef und Maria Tura, den Ensemble-Stars, deren Ehe durch einen jungen Verehrer ins Schlingern gerät. Und, klar: Der Stoff bietet reichlich Gelegenheit, Empfindlichkeiten und Größenwahn der Theaterwelt aufs Korn zu nehmen.
Eine von vielen guten Regieeinfällen ist es, den Galan Marias (überzeugend: Tobias Licht) im Publikum zu platzieren. Hier verharrt er still, bis auf der Bühne Josef (großartig: Georg B. Lenzen) im albernen Hamlet-Kostüm mit dem Schädel in der Hand zum berühmten Monolog anhebt, und drängelt sich dann hinaus – was den Mimen zutiefst erschüttert. Überhaupt nutzt Pape auch den Zuschauerraum für sein Spiel-im-Spiel, lässt die Darsteller hier und dort auftauchen und durchbricht so die klassische Illusionstheatersituation, die er zugleich durch ein aufwendiges Bühnenbild (Petra Buchholz) und zahlreiche Wechsel der detailgetreuen Kostüme (Regina Rösing) gezielt aufbaut.
Mit der üppigen Ausstattung und einem starken, vierzehnköpfigen Ensemble plus drei fabelhaften Musikern ist die gelungene Kooperation der freien Häuser Keller und Bauturm – deren Leiter als „Höllenhunde“ der SS einen amüsanten Kurzauftritt bekommen – im Volkstheater nicht nur aus logistischen Gründen am richtigen Ort. Er unterstreicht das Boulevardeske der temporeichen, zweieinhalbstündigen Inszenierung mit ihren spritzigen Wortgefechten und schrägen Figuren wie dem von Pelle Pershing herrlich hyperventilierend gespielten Garderobier Sascha.
Nach der Pause, als das Spiel von Dirk Bachs schrill überzeichneter Karikatur „Konzentrationslager-Erhardt“ und dessen Blitzableiter „Schuuulze“ (Jonathan Briefs) dominiert wird, wechselt der Grundton ein wenig zu stark ins Slapstickhafte. Lacher – darauf scheint es dieser Produktion anzukommen – sind eben nicht zu verachten, wenn man dem Grauen beikommen will.
Stürmischer Premierenapplaus.“
Vanja | 2007
Schauspiel nach Anton Tschechows „Onkel Wanja“ in einer Fassung für sechs Schauspieler:innen
Eine Produktion von pain productions und Studiobühne Köln



Kölner Stadt-Anzeiger
Vanja
„Vanja“ als musikalisch aktualisierte Adaption, in einer schauspielerisch imposanten Form in der Studiobühne Köln
Wie bei Shakespeare: auf seiner Bühne gab es kein Bühnenbild, die Ausstattung ersetzten die Schauspieler durch ihre Sprachmacht. In Hiltrud Kissels Interpretation von Chechovs „Onkel Vanja“ in der Kölner Studiobühne sind die einzigen Requisiten neun Wodkaflaschen, Plastikstühle und ein Klavier.
Wie bei Beckett: In „Vanja“ nach Chechov passiert nichts. Es gibt keine Handlung, ausser dass sich sechs Menschen betrinken. Zunächst nur die Männer, dann auch die Frauen. Alle zusammen sind sie „auf der Suche nach dem richtigen Leben, mitten im falschen“.
Wie bei Pinter: Es ist gerade nicht die „Unterklasse“, die sich perspektivlos betrinkt. Es sind die erfolgreichen Akademiker und ihre Gespielinnen – aus reiner Langeweile saufen sie, aus Angst, „langweilige Nebenfiguren ihres eigenen Lebens“ zu sein.
„Vanja“ als musikalisch aktualisierte Adaption, in einer schauspielerisch imposanten Form.
Tosender Premierenapplaus.
Vanja | 2007
Schauspiel nach Anton Tschechows „Onkel Wanja“ in einer Fassung für sechs Schauspieler:innen
Eine Produktion von pain productions und Studiobühne Köln
Kölner Stadt-Anzeiger
Vanja
„Vanja“ als musikalisch aktualisierte Adaption, in einer schauspielerisch imposanten Form in der Studiobühne Köln
Wie bei Shakespeare: auf seiner Bühne gab es kein Bühnenbild, die Ausstattung ersetzten die Schauspieler durch ihre Sprachmacht. In Hiltrud Kissels Interpretation von Chechovs „Onkel Vanja“ in der Kölner Studiobühne sind die einzigen Requisiten neun Wodkaflaschen, Plastikstühle und ein Klavier.
Wie bei Beckett: In „Vanja“ nach Chechov passiert nichts. Es gibt keine Handlung, ausser dass sich sechs Menschen betrinken. Zunächst nur die Männer, dann auch die Frauen. Alle zusammen sind sie „auf der Suche nach dem richtigen Leben, mitten im falschen“.
Wie bei Pinter: Es ist gerade nicht die „Unterklasse“, die sich perspektivlos betrinkt. Es sind die erfolgreichen Akademiker und ihre Gespielinnen – aus reiner Langeweile saufen sie, aus Angst, „langweilige Nebenfiguren ihres eigenen Lebens“ zu sein.
„Vanja“ als musikalisch aktualisierte Adaption, in einer schauspielerisch imposanten Form.
Tosender Premierenapplaus.
Endspiel | 2007
Schauspiel von Samuel Beckett in einer Fassung für vier Schauspieler:innen
Eine Produktion des Landestheater Vorarlberg/Bregenz



Vorarlberger Nachrichten
Eine Freude und ein Gewinn
„Ende. Es ist zu Ende“, sagt Clov vor dem noch geschlossenen Vorhang. Und mein Sitznachbar fragt, ob wir ihn beim Wort nehmen sollen. Mein Gott, das wäre ein Verlust gewesen.Denn was sich da nach Öffnen des Vorhangs entsponnen hat, durfte nicht versäumt werden.
Im Mai werden es 50 Jahre, dass „Endspiel“ in Paris uraufgeführt wurde. Immer wieder wurde nach dem Sinn, nach Erklärungen gesucht. Der Titel des Stückes bezeichnet in der Terminologie des Schachs die letzte Phase und Beckett selbst beschreibt sein Stück als bloßes Spiel. Hamm ist blind, kann nicht gehen, sitzt fest in einem Stuhl mitten auf der Bühne. Clov, sein Diener, kann nicht sitzen, in Bregenz dafür aber tanzen. Beide leben sie, gemeinsam mit den beinamputierten Eltern von Hamm in einer absurden Arche Noah. Außerhalb existiert nichts und wird wahrscheinlich nie mehr etwas existieren. Die Welt wurde auf einen kleinen Globus reduziert, hängend im Dunkel dieses eigenartigen Universums.
Witzige Ideen
Ursula N. Müller baute eine Art Spieltisch, auf dem Hamm in der Mitte thront, darunter versteckt die Eltern Nell und Nagg, weggesperrt, sich windend im eigenen Dreck. Wenn sich die Klappen öffnen, lässt Regisseur Rüdiger Pape diese hässlichen, nackten Alten mit einer Mischung aus Pathos und groben Effekten die Variationen der Rebellion und Resignation durchexerzieren.
Eva Horstmann und Peter Herff überzeugen eindrucksvoll.
Die Magie dieser Inszenierung entsteht aus der ideenreichen Verbindung von Sprach- und Bewegungsregie, die durch die zarte Musik noch zusätzliche Akzente erhält.
Pape präsentiert eine sehr phantasie- und humorvolle Interpretation, gespickt mit witzigen Ideen, Slapsticks, ohne die Tiefen des Stückes zu verlieren. Während der Text sarkastischen Humor versprüht und das Lachen im Halse stecken bleibt, wirkt das Spiel erlösend und bringt die Figuren sehr nahe. Die Regie ist dem Text tief auf den Grund gegangen und hat die kleinsten Stimmungsbilder herausgearbeitet. Müllers Ausstattung unterstützt dieses Theater des freien Phantasierens, gemeinsam mit den Lichtstimmungen Arndt Rösslers.
Franz Nagel als Hamm gibt einen starken Tyrannen mit sehr sanften Momenten. Festsitzend auf seinem Thron spielt er mit ungeheurer Vielfalt und Energie. Clov, wunderbar Mario Plaz, ist ein Clown, der mit der Leiter tanzt, verzaubert und tröstet in diesem hoffnungsarmen Spiel.
Der Abend war eine Freude, ein Gewinn.
Der Standard / Österreich
Und weiter hoffen auf Sinn
Samuel Beckett’s „Endspiel“ im Bregenzer Theater am Kornmarkt
Hamm (Franz Nagel), der Tyrann, und Clov (Mario Plaz), sein Diener, haben sich in einer ausweglosen Symbiosebeziehung verstrickt. Sie hassen sich, aber sie kommen nicht voneinander los. „Nichts ist komischer als das Unglück“, schreibt Beckett in seinem Endspiel und in diesem Sinne hat Rüdiger Pape in seiner Inszenierung am Landestheater Vorarlberg das Komödiantische, das Clowneske betont.
[…] Hamm drangsaliert seine beiden Eltern Nell (Eva Horstmann) und Nagg (Peter Herff) bis zu ihrem Hungertod. Gerade da, wo das Elend am Größten ist, hier bei diesen armen alten Gespenstern, ist so etwas wie Menschlichkeit spürbar, Liebe und Erinnerung an eine freundliche Vergangenheit.
Großartiges Theater, fantastisches Bühnenbild von Ursula N. Müller.
Die Neue / Österreich
Ein tragikomisches Spiel
Ein sehenswertes „Endspiel“ von Samuel Beckett in einer Inszenierung von Rüdiger Pape im Vorarlberger Landestheater.
Bereits der Anfang wird vom Ende dominiert. „Ende“ ist das erste Wort, das Clov (Mario Plaz) in Samuel Becketts „Endspiel“ vor dem geschlossenen Vorhang im Bregenzer Kornmarkttheater an das Publikum gewendet sagt. Das Ende wird durchgespielt in dieser ideenreichen und stimmigen Inszenierung von Rüdiger Pape, die, eigentlich im Gegensatz zum Inhalt mit vier bewegungsbehinderten Figuren, voller Dynamik und Schwung daherkommt.
Lustvoll souverän
Mario Plaz als Diener und Franz Nagel als sein gelähmter Gebieter Hamm geben ein wunderbar komödiantisches Duo, das durch lustvolles, präsentes Spiel einerseits und leise, weise Töne und sehr souverän gestaltete Differenzierungen andererseits beeindruckt. Sie zeigen dieses Paar, das seit Jahrzehnten in Hass-Liebe aneinander gebunden zu sein scheint, ohne Aussicht auf Entkommen. Jedem Fluchtgedanken von Clov liegt das Scheitern bereits inne. Zugleich hat ihr endlos scheinendes, sich (scheinbar) wiederholendes Spiel im Umgang miteinander und ihrem Dasein den Charakter einer Beziehung zweier Menschen, die ohne einander nicht können – mit allen Sticheleien und kleinen Gehässigkeiten und einer Perspektivlosigkeit, die sich in dieser Umgebeung ohne Zeit und Ort festgesetzt hat. Der aber in der Inszenierung Humor und Witz entgegen gehalten werden.
Lebende Untote
Ausstatterin Ursula N. Müller stellt Hamm im reduzierten Bühnenbild auf eine schiefe Fläche, seine beinamputierten Eltern Nagg (Peter Herff) und Nell (Eva Horstmann) kommen – ausstaffiert als lebende Untote – manchmal aus Luken zum Vorschein, die sich im Boden dieser Fläche befinden – „Leichen im Keller“. Ein altes Ehepaar,das in Erinnerungsfetzen auch einmal einen Anflug von Zärtlichkeit erkennen lässt, zumeist aber zwischen Aufbegehren und Abgestumpfheit dahinvegetiert, bis sie wieder weggesperrt werden. Genauso beiläufig stirbt Nell dann irgendwann.
Peter Herff und Eva Horstmann changieren hier gekonnt zwischen Komik und Tragik und halten die beiden Pole in Balance – ein Aspekt, der sich durch das gesamte Stück zieht.
Eine phantasievolle, witzige, melancholische und poetische Produktion mit ausgezeichneten Darstellern.
Endspiel | 2007
Schauspiel von Samuel Beckett in einer Fassung für vier Schauspieler:innen
Eine Produktion des Landestheater Vorarlberg/Bregenz
Vorarlberger Nachrichten
Eine Freude und ein Gewinn
„Ende. Es ist zu Ende“, sagt Clov vor dem noch geschlossenen Vorhang. Und mein Sitznachbar fragt, ob wir ihn beim Wort nehmen sollen. Mein Gott, das wäre ein Verlust gewesen.Denn was sich da nach Öffnen des Vorhangs entsponnen hat, durfte nicht versäumt werden.
Im Mai werden es 50 Jahre, dass „Endspiel“ in Paris uraufgeführt wurde. Immer wieder wurde nach dem Sinn, nach Erklärungen gesucht. Der Titel des Stückes bezeichnet in der Terminologie des Schachs die letzte Phase und Beckett selbst beschreibt sein Stück als bloßes Spiel. Hamm ist blind, kann nicht gehen, sitzt fest in einem Stuhl mitten auf der Bühne. Clov, sein Diener, kann nicht sitzen, in Bregenz dafür aber tanzen. Beide leben sie, gemeinsam mit den beinamputierten Eltern von Hamm in einer absurden Arche Noah. Außerhalb existiert nichts und wird wahrscheinlich nie mehr etwas existieren. Die Welt wurde auf einen kleinen Globus reduziert, hängend im Dunkel dieses eigenartigen Universums.
Witzige Ideen
Ursula N. Müller baute eine Art Spieltisch, auf dem Hamm in der Mitte thront, darunter versteckt die Eltern Nell und Nagg, weggesperrt, sich windend im eigenen Dreck. Wenn sich die Klappen öffnen, lässt Regisseur Rüdiger Pape diese hässlichen, nackten Alten mit einer Mischung aus Pathos und groben Effekten die Variationen der Rebellion und Resignation durchexerzieren.
Eva Horstmann und Peter Herff überzeugen eindrucksvoll.
Die Magie dieser Inszenierung entsteht aus der ideenreichen Verbindung von Sprach- und Bewegungsregie, die durch die zarte Musik noch zusätzliche Akzente erhält.
Pape präsentiert eine sehr phantasie- und humorvolle Interpretation, gespickt mit witzigen Ideen, Slapsticks, ohne die Tiefen des Stückes zu verlieren. Während der Text sarkastischen Humor versprüht und das Lachen im Halse stecken bleibt, wirkt das Spiel erlösend und bringt die Figuren sehr nahe. Die Regie ist dem Text tief auf den Grund gegangen und hat die kleinsten Stimmungsbilder herausgearbeitet. Müllers Ausstattung unterstützt dieses Theater des freien Phantasierens, gemeinsam mit den Lichtstimmungen Arndt Rösslers.
Franz Nagel als Hamm gibt einen starken Tyrannen mit sehr sanften Momenten. Festsitzend auf seinem Thron spielt er mit ungeheurer Vielfalt und Energie. Clov, wunderbar Mario Plaz, ist ein Clown, der mit der Leiter tanzt, verzaubert und tröstet in diesem hoffnungsarmen Spiel.
Der Abend war eine Freude, ein Gewinn.
Der Standard / Österreich
Und weiter hoffen auf Sinn
Samuel Beckett’s „Endspiel“ im Bregenzer Theater am Kornmarkt
Hamm (Franz Nagel), der Tyrann, und Clov (Mario Plaz), sein Diener, haben sich in einer ausweglosen Symbiosebeziehung verstrickt. Sie hassen sich, aber sie kommen nicht voneinander los. „Nichts ist komischer als das Unglück“, schreibt Beckett in seinem Endspiel und in diesem Sinne hat Rüdiger Pape in seiner Inszenierung am Landestheater Vorarlberg das Komödiantische, das Clowneske betont.
[…] Hamm drangsaliert seine beiden Eltern Nell (Eva Horstmann) und Nagg (Peter Herff) bis zu ihrem Hungertod. Gerade da, wo das Elend am Größten ist, hier bei diesen armen alten Gespenstern, ist so etwas wie Menschlichkeit spürbar, Liebe und Erinnerung an eine freundliche Vergangenheit.
Großartiges Theater, fantastisches Bühnenbild von Ursula N. Müller.
Die Neue / Österreich
Ein tragikomisches Spiel
Ein sehenswertes „Endspiel“ von Samuel Beckett in einer Inszenierung von Rüdiger Pape im Vorarlberger Landestheater.
Bereits der Anfang wird vom Ende dominiert. „Ende“ ist das erste Wort, das Clov (Mario Plaz) in Samuel Becketts „Endspiel“ vor dem geschlossenen Vorhang im Bregenzer Kornmarkttheater an das Publikum gewendet sagt. Das Ende wird durchgespielt in dieser ideenreichen und stimmigen Inszenierung von Rüdiger Pape, die, eigentlich im Gegensatz zum Inhalt mit vier bewegungsbehinderten Figuren, voller Dynamik und Schwung daherkommt.
Lustvoll souverän
Mario Plaz als Diener und Franz Nagel als sein gelähmter Gebieter Hamm geben ein wunderbar komödiantisches Duo, das durch lustvolles, präsentes Spiel einerseits und leise, weise Töne und sehr souverän gestaltete Differenzierungen andererseits beeindruckt. Sie zeigen dieses Paar, das seit Jahrzehnten in Hass-Liebe aneinander gebunden zu sein scheint, ohne Aussicht auf Entkommen. Jedem Fluchtgedanken von Clov liegt das Scheitern bereits inne. Zugleich hat ihr endlos scheinendes, sich (scheinbar) wiederholendes Spiel im Umgang miteinander und ihrem Dasein den Charakter einer Beziehung zweier Menschen, die ohne einander nicht können – mit allen Sticheleien und kleinen Gehässigkeiten und einer Perspektivlosigkeit, die sich in dieser Umgebeung ohne Zeit und Ort festgesetzt hat. Der aber in der Inszenierung Humor und Witz entgegen gehalten werden.
Lebende Untote
Ausstatterin Ursula N. Müller stellt Hamm im reduzierten Bühnenbild auf eine schiefe Fläche, seine beinamputierten Eltern Nagg (Peter Herff) und Nell (Eva Horstmann) kommen – ausstaffiert als lebende Untote – manchmal aus Luken zum Vorschein, die sich im Boden dieser Fläche befinden – „Leichen im Keller“. Ein altes Ehepaar,das in Erinnerungsfetzen auch einmal einen Anflug von Zärtlichkeit erkennen lässt, zumeist aber zwischen Aufbegehren und Abgestumpfheit dahinvegetiert, bis sie wieder weggesperrt werden. Genauso beiläufig stirbt Nell dann irgendwann.
Peter Herff und Eva Horstmann changieren hier gekonnt zwischen Komik und Tragik und halten die beiden Pole in Balance – ein Aspekt, der sich durch das gesamte Stück zieht.
Eine phantasievolle, witzige, melancholische und poetische Produktion mit ausgezeichneten Darstellern.
Die kahle Sängerin | 2003
Schauspiel von Eugene Ionesco in einer Fassung für fünf Schauspieler:innen


